
Anna Maria (Rufname „Settela“) Steinbach, geboren am 23. Dezember 1934 in Buchten in der niederländischen Provinz Limburg, wuchs in einem Wohnwagen auf. Sie kam aus einer großen Familie. Ihr Vater war Händler und Geiger, ihre Mutter kümmerte sich um den Haushalt im Wohnwagen. Auf der Suche nach Arbeit zogen sie von Dorf zu Dorf. Die örtlichen Behörden unternahmen nichts zur Verbesserung der ärmlichen Verhältnisse an den Stellplätzen. Sie waren froh, wenn sie die Wohnwagenbewohner los waren.
Sinti und Roma bildeten eine kleine Minderheit unter den Wohnwagenbewohnern. Das Misstrauen gegenüber diesen sogenannten „Zigeunern“ war groß. Sie wurden als farbenfrohe Fremde gesehen. An der Grenze wurden sie oft zurückgewiesen. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurden sie sogar über die niederländische, belgische und deutsche Grenze hin- und hergeschoben. Settela und ihre Familie wurden von den Behörden als „niederländische Zigeuner“ angesehen.
Die Familie Steinbach kam ursprünglich aus Deutschland. Von ihren Verwandten hatte Settela wahrscheinlich viel über die immer schlechtere Lage dort gehört. Ab 1933 wurden eine Reihe von Sinti und Roma nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zwangssterilisiert. 1935 wurde ihnen sogar die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Ab Mitte der dreißiger Jahre wurden die ersten deutschen Sinti und Roma in Lagern eingesperrt. Schnell folgten eine Reihe diskriminierender Maßnahmen.
1940 wurden die Niederlande besetzt. Anfangs war nur wenig von strengen deutschen Maßnahmen gegen Sinti und Roma zu spüren, bis die deutsche Besatzungsmacht im Juli 1943 einen Festsetzungserlass für Wohnwagen verhängte. Schließlich wurden alle Wohnwagen in 27 bewachten Sammellagern zusammengeführt. Viele Wohnwagenbewohner, unter ihnen wahrscheinlich auch Settelas Familie, versuchten sich diesen Maßnahmen zu entziehen. Dennoch kam Settelas Familie in das zentrale Sammellager in Eindhoven. Danach setzte eine Unheil verkündende Ruhe ein. Bis zum 14. Mai 1944. An diesem Tag erhielt die Polizei im ganzen Land per Fernschreiben einen Befehl: Alle „Zigeunerfamilien“ sollten am Dienstag, dem 16. Mai, in das Lager Westerbork gebracht werden. Settelas Familie und ihre Tante Theresia wurde während der Razzia an diesem Dienstag bereits um vier Uhr morgens verhaftet.
Im Laufe des 16. Mai und der nächsten Tage kamen die Züge mit den bei der Razzia Verhafteten im Konzentrationslager Westerbork an, insgesamt 574 Personen. Zwei Familien, insgesamt 64 Personen, waren im Besitz ausländischer (unter anderem Schweizer und italienischer) Pässe, die ihnen Schutz boten. Fast alle wurden deshalb am 20. Mai 1944 freigelassen, zugleich mit den „zu Unrecht“ verhafteten „Nichtzigeunern“. Am 19. Mai 1944 mussten die 246 als „Zigeuner“ geltenden Personen in einen Zug „auf Transport“ in den Osten. Die Sinti und Roma, unter ihnen Settela und ihre Familie, waren in die Güterwaggons 12 bis 17 gepfercht worden. Gerade in dem Moment wurden im Auftrag von Lagerkommandant Albert Gemmeker Filmaufnahmen gemacht. Dabei fing die Kamera den Blick der nach draußen starrenden Settela ein, kurz vor der Abfahrt des Zugs nach Auschwitz.
Am 21. Mai 1944 trafen die niederländischen Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau ein. Dort wurden sie registriert und im „Zigeunerlager“, einer Sonderabteilung des Hauptlagers, untergebracht. An Gefangenen aus diesem „Zigeunerlager“ führte der berüchtigte Lagerarzt Dr. Josef Mengele medizinische Experimente aus, unter anderem an Kindern und Zwillingen. Ende Juli, Anfang August 1944 wurde dieser Teil von Auschwitz geräumt. Fast 2900 Sinti und Roma, die als ungeeignet für Zwangsarbeit angesehen wurden, wurden im Verlauf dieser Räumung in einer Massenvergasung ermordet. Zusammen mit ihrer Mutter, zwei Brüdern und zwei Schwestern ist Settela wahrscheinlich in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in einer der Gaskammern von Auschwitz-Birkenau gestorben.
Das eindringliche Bild von Settela in der sich schließenden Tür des Güterzugs auf dem Gelände des Lagers Westerbork wurde nach dem Krieg berühmt. Das Foto wurde in vielen Dokumentationen und Büchern abgedruckt, und das „Mädchen mit dem Kopftuch“ wurde zu einem Symbol der Judenverfolgung. Anfang der neunziger Jahre machte sich der Journalist Aad Wagenaar auf die Suche nach der Identität des Mädchens. Er entdeckte, dass sie keine Jüdin war, sondern eine Sinti, und er fand auch ihren Namen heraus: Settela Steinbach.